Anden-Wolle am Bourtanger Moor
Wie eine emsländische Familie aus Alpakas ein Lebenswerk machte
Wie eine emsländische Familie aus Alpakas ein Lebenswerk machte
Der Ursprung des heutigen Hofes liegt bei der Urgroßmutter von Nadine Schnettberg (geborene Büter). Während des Ersten Weltkriegs war es üblich, junge Frauen aus der Stadt als Haushaltshilfen aufs Land zu schicken. So führte der Weg der Urgroßmutter von Dortmund in das kleine Haren.
Sie blieb, lernte ihren späteren Ehemann kennen und baute sich mit viel Ausdauer ein eigenes Leben auf. Das damals errichtete Eigenheim wurde später zu Ferienwohnungen umfunktioniert, in denen auch Nadine Schnettberg mit ihrem Mann Martin noch lebte.
Heute erinnert nur noch der Garten an den alten Standort. Direkt daneben aber schlägt das Herz des heutigen Betriebs: das Wohnhaus der Eltern, Renate und Martin Büter sen., die Stallungen und der eigene Hofladen, den Renate Büter führt.
Vom lateinischen Fachbuch zur High-End-Zucht
Der Wandel vom klassischen Hof zum Alpaka-Betrieb begann im Jahr 2010. „Das Thema Alpaka war damals komplett neu“, erinnert sich die Familie. Informationen gab es fast ausschließlich in dicken Büchern, von denen einige sogar noch auf Latein verfasst waren. Die ersten Tiere wurden aus Kanada importiert.
Die größte Hürde: einen Tierarzt zu finden, der sich mit den Exoten auskannte. Hollands Experten durften in Deutschland nicht praktizieren, also erarbeitete sich die Familie gemeinsam mit einem engagierten hiesigen Tierarzt das nötige Fachwissen.
Heute grasen zwischen 24 und 30 Tiere auf den emsländischen Weiden – aktuell sind es 24. Man unterscheidet dabei zwei Arten: die Huacaya- und die Suri-Alpakas, die sich durch ihr Vlies unterscheiden. Im Besitz der Familie befinden sich drei eigene Deckhengste sowie mehrere Stuten mit unterschiedlichen Stammbüchern. Etwa fünf bis acht Fohlen kommen hier jedes Jahr zur Welt.
Die Eigenarten der Alpakas: Warum Fohlen auf trockenes Wetter warten
Die Zucht erfordert viel Fingerspitzengefühl und Wissen über die Besonderheiten der Tiere. Eine Alpaka-Stute trägt ihr Fohlen elf bis zwölf Monate. „Snow Prince Mysterie“, das erste Fohlen dieses Jahres, kam etwa nach genau 357 Tagen am 1. April zur Welt.
Eine faszinierende Eigenart der Stuten: Sie können die Geburt etwas hinauszögern, um auf trockenes, mildes Wetter zu warten. Der Grund ist simpel, aber lebenswichtig: Alpakas haben eine zu kurze Zunge, um ihre Neugeborenen trocken zu lecken. Kälte und Nässe können für das nasse Fohlen schnell tödlich enden. Reicht die mütterliche Wärme nicht aus, kommen spezielle Fohlenmäntel zum Einsatz.
Auch die Paarung folgt eigenen Regeln. Alpakas haben keine feste Brunftzeit, sie sind das ganze Jahr über empfängnisbereit. Der Eisprung wird erst durch den Deckakt und die Laute des Bullen ausgelöst. Ob die Deckung erfolgreich war, zeigt die Stute rund sieben Tage später sehr deutlich: Wehrt sie den Hengst ab, legt die Ohren an oder spuckt sogar, gilt das als klares Zeichen für eine Trächtigkeit, die später per Ultraschall bestätigt wird.
Stressfrei und hochwertig: Qualität statt Massentourismus
Gesundheitskontrollen, Blutuntersuchungen und Impfungen gehören zum Hofalltag. Besonders die Angst vor der grassierenden Blauzungenkrankheit treibt Züchter um – der Hof am Bourtanger Moor blieb durch konsequente Vorsorge zum Glück bislang verschont.
Die Familie stellt klar: Alpakas sind keine klassischen Streicheltiere. Sie sind sensible Fluchttiere. Deshalb verzichtet man hier bewusst auf touristische Massenangebote wie Alpaka-Wanderungen. Stattdessen gibt es ruhige „Schnupperbesuche“, bei denen Besucher viel über die artgerechte Haltung lernen.
Im Mittelpunkt des Betriebs steht nicht der schnelle Verkauf der Tiere, sondern die höchste Qualität von Genetik und Vlies. Ein Alpaka liefert ein- bis zweimal im Jahr zwischen zwei und sechs Kilogramm Wolle. Martin Schnettberg schert die Tiere nach einem speziellen Kurs mittlerweile selbst. Die Wolle, deren Fasern hohl wie Strohhalme sind, ist extrem leicht, wärmend, feuchtigkeitsregulierend und sogar für Allergiker geeignet. Wurden früher Tiere noch willkürlich gepaart, ist die Zucht heute eine hochkomplexe Wissenschaft. Die Feinheit der Faser wird labortechnisch ermittelt.
„Ein hochwertiges Alpaka kostet so viel wie ein Auto“, heißt es auf dem Hof. Beträge im fünfstelligen Bereich sind keine Seltenheit. Alle Tiere sind registriert, gechippt, DNA-getestet und haben dokumentierte Stammbäume, um Inzucht zu vermeiden.
Generationswechsel und Zukunftspläne
Dieser hohe Qualitätsanspruch zieht Kreise: Züchter aus dem In- und Ausland tauschen sich mit der Familie aus, ein Lingener Strickclub bezieht hier seinen Wollnachschub, und auch Fahrradtouristen entdecken den kleinen Hofladen zunehmend für sich.
Die Familie blickt derweil bereits in die Zukunft. Die Eltern, beide Mitte 60, planen, den Hof im Sommer 2027 an die nächste Generation zu übergeben.
Damit einher gehen neue Ideen: Der Hofladen soll erweitert und die Zucht auf ein noch höheres genetisches Niveau gehoben werden.
Eines aber soll sich beim Generationswechsel nicht ändern: Das Wohl der Tiere steht über allem. „Wenn Zweifel bestehen, wird ein Tier auch einmal nicht verkauft“, lautet das Familiencredo. Denn Verantwortung endet nicht am Weidezaun.
Moor & mehr – Geschichten aus den Naturparken
Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum
In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.
Text: Gina de Münck
Fotos: Marcus Isernhinke
Mehr Informationen über die Alpakazucht Büter in Haren-Fehndorf finden Sie auf www.emsland-alpakas.de!






