Die Augen der Landschaft

Von Andreas Schüring

  • Wissenswertes
  • 19.07.2026

Von Andreas Schüring

„Alle Gefahren, die wir vor uns sehen, sind keine technischen Ausweglosigkeiten, sondern eher umgekehrt die Unfähigkeit unserer Kultur, mit den Geschenken ihrer eigenen Erfindungskraft vernünftig umzugehen.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

Wer an einem windstillen Morgen am Ufer eines Schlatts steht, blickt in weit mehr als nur eine stille Wasserfläche. Zwischen Wollgras, Seggen und Torfmoosen spiegelt sich eine Landschaft, deren Geschichte Hunderttausende von Jahren zurückreicht. Diese kleinen Gewässer sind stille Zeugen der Eiszeiten – und zugleich lebendige Zentren der Natur. Nicht ohne Grund werden sie die „Augen der Landschaft“ genannt.

Das Emsland trägt bis heute die Handschrift dreier Kaltzeiten: der Elster-, Saale- und Weichselkaltzeit. Gewaltige Gletscher schoben sich damals von Skandinavien nach Süden und formten weite Teile Norddeutschlands. Zwar erreichten die Eismassen der letzten Kaltzeit das Emsland nicht mehr, doch Wind, Frost und Schmelzwasser gestalteten die bereits entstandene Landschaft weiter und hinterließen jene sanften Formen, die wir heute als selbstverständlich empfinden.

Die letzte Kaltzeit endete erst vor rund 10.000 Jahren. Was für uns unvorstellbar lange erscheint, ist in der Geschichte unseres Planeten kaum mehr als ein Augenblick. Seit Milliarden von Jahren verändert sich die Erde unaufhörlich. Kontinente wandern, Gebirge wachsen und verschwinden wieder, Eiszeiten wechseln mit warmen Klimaperioden. Ausgelöst werden diese Veränderungen durch das Zusammenspiel von Erdbahn, Neigung der Erdachse und dem Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre. Heute greift der Mensch zunehmend in dieses empfindliche Gleichgewicht ein.

Wer genau hinsieht, entdeckt die Spuren dieser fernen Vergangenheit noch überall im Emsland. Findlinge aus skandinavischem Granit, sanfte Endmoränen, vermoorte Senken und ausgedehnte Dünenlandschaften erzählen von den Kräften des Eises. Besonders eindrucksvoll sind jedoch die Schlatts – kleine, meist abflusslose Gewässer, die vor allem auf dem Hümmling das Landschaftsbild prägen.

Wie sie genau entstanden sind, darüber diskutiert die Wissenschaft bis heute. Manche Schlatts gehen vermutlich auf flache Mulden zurück, die eiszeitliche Winde aus dem lockeren Sand bliesen. Andere könnten sich dort gebildet haben, wo nach dem Abschmelzen der Gletscher mächtige Toteisblöcke im Boden zurückblieben. Auch sogenannte Pingos – eisgefüllte Hügel des damaligen Permafrostbodens – kommen als Ursprung einzelner Senken in Betracht. Gemeinsam ist ihnen allen: Sie sind Geschenke der Eiszeit.

Mit dem Ende der Kälte begann ein neuer Abschnitt der Landschaftsgeschichte. Regen- und Schmelzwasser füllten die Senken. In den flachen Mulden entwickelten sich zunächst Niedermoore, später Hochmoore. Möglich machte dies eine Pflanzengruppe, die oft übersehen wird und doch zu den erstaunlichsten der Erde gehört: die Torfmoose. Seit rund 400 Millionen Jahren haben sie sich an nährstoffarme und feuchte Standorte angepasst. Sie speichern große Mengen Wasser und schaffen damit die Grundlage für die Entstehung von Mooren – Lebensräumen, die zugleich wertvolle Kohlenstoffspeicher sind.

Heute sind im Hümmling noch rund einhundert Schlatts bekannt. Das größte unter ihnen ist das Theikenmeer mit einer Wasserfläche von knapp zwanzig Hektar. Doch ihre Bedeutung bemisst sich nicht an ihrer Größe. Jeder Schlatt ist ein kleines Naturparadies. Amphibien finden hier ihre Laichgewässer, Libellen schwirren über das Wasser, seltene Pflanzen besiedeln die nährstoffarmen Ufer. Viele Arten haben hier Rückzugsräume gefunden, die anderswo längst verschwunden sind.

Vermutlich waren diese Gewässer schon für die ersten Menschen von unschätzbarem Wert. Als vor rund 5.000 Jahren die ersten Bauern ins Emsland kamen, boten die wasserreichen Senken eine sichere Versorgung und damit eine wichtige Voraussetzung für dauerhafte Siedlungen. So erzählen die Schlatts nicht nur von der Erdgeschichte, sondern auch von den Anfängen menschlichen Lebens in unserer Region.

Wer heute an einem Schlatt verweilt, hört vielleicht das Konzert der Frösche, beobachtet eine jagende Libelle oder sieht den Himmel im dunklen Wasser spiegeln. Dann wird deutlich, warum diese kleinen Gewässer seit jeher als Augen der Landschaft gelten. Sie bewahren die Erinnerung an die Entstehung des Emslandes – und erinnern zugleich daran, wie eng Naturgeschichte und menschliche Geschichte miteinander verbunden sind.

Moor & mehr – Geschichten aus den Naturparken


Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum 

In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
 
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.  

19. Juli 2026