Im Wesuweer Kirchenbuch aus dem Jahr 1900 heißt es: „Am 8. Juni dieses Jahres begab sich der Haussohn Bernard Herbers aus Versen zu ihrer Torfkuhle am Wege von Neuversen nach dem Provinzialmoor. Beim Abwerfen der Erdschicht stieß er etwa 50 cm tief auf eine Leiche, die ziemlich gut erhalten da lag.“
Die sterblichen Überreste wurden geborgen und in eine Scheune der kleinen Bauernschaft Tuntel bei Versen gebracht. Nach einer dreitägigen Totenwache – so war es damals üblich – beerdigten Bewohner den Unbekannten in einem einfachen Sarg in ungeweihter Erde vor den Friedhofsmauern in Wesuwe, weil die Konfessionszugehörigkeit unbekannt war.
So begann die Geschichte des ältesten bekannten Mordfalls des Emslandes. Das Landesmuseum in Hannover erfuhr erst ein halbes Jahr später von dem Fund und ließ die Leiche exhumieren.
Einige interessante Entdeckungen wurden gemacht: Bei dem sogenannten „Roten Franz“ handelt es sich um einen kräftigen, 25-jährigen Mann mit O-Beinen.
Seit Laboranalysen wusste man 90 Jahre später: Er lebte im 4. Jahrhundert nach Christus, war ein germanischer Krieger und häufig zu Pferd unterwegs. Sein blondes Haar trug er kunstvoll frisiert und mit seiner hünenhaften Gestalt hat er sicherlich Eindruck hinterlassen.
Durch Untersuchungen kam heraus, dass sein Tod kein Zufall war: Ein Schnitt durch den Hals setzte seinem Leben ein Ende und sein Körper wurde anschließend im Moor abgelegt. Sein Ableben ist bis heute ein Mysterium und viele Fragen sind weiterhin offen: Warum musste er sterben? Von wem wurde er ermordet? Und wie kam er überhaupt ins Moor?
In der Sonderausstellung „Auf den Spuren der Wahrheit. 2000 Jahre Verbrechensaufklärung“ im Emsland Archäologie Museum in Meppen werden unter anderem diese Fragen behandelt. Noch bis zum 12. Januar 2027 können Interessierte sich dort über die Geschichte der forensischen Polizeiarbeit informieren.
Doch woher kommt eigentlich der Spitzname „Roter Franz“? Dieses Rätsel ist einfach zu lösen: Den Namenszusatz „Roter“ gab man ihm, da vor allem seine Haare durch Humin- und Gerbstoffe im sauren Moorwasser im Laufe der Jahrhunderte intensiv rot gefärbt wurden. Auch sein Körper war gut erhalten. Das liegt vor allem an den konservierenden Eigenschaften des nassen Moorbodens, denn der ist sauer und völlig frei von Sauerstoff.
Mithilfe moderner Technik wurde rekonstruiert, wie der „Rote Franz“ ausgesehen haben könnte. Die Rekonstruktion kann im Emsland Archäologie Museum betrachtet werden. Das Original wird im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover aufbewahrt, wo sie bis heute zu den größten Besuchermagneten zählt.
Seit Neustem können Ausflügler sich die Geschichte vom „Roten Franz“ erzählen lassen: Die Hörstation im Provinzialmoor bei Twist befindet sich an dem Wanderweg Moorland-Pfad „Von Moor zu Moor“ ganz in der Nähe des ursprünglichen Fundortes.
Der Heimatverein Versen hat dort eine Sitzgruppe eingerichtet, die zum Verweilen einlädt. Informationen liefert zudem eine Schautafel und über einen QR-Code sind die Audioinhalte mit der Geschichte des Fundes und früheren Lebens abrufbar.
Text: Christina Poll und Martina Alfers
Fotos: Martina Kramer, Emsland Tourismus GmbH und Naturpark Bourtanger Moor-Veenland
Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum
In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.
Emsland Archäologie Museum
An der Koppelschleuse 19 a, 49716 Meppen
Tel. 05931 6605
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr
Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Führungen nach Anmeldung auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten
Veranstaltungstipp:
„Auf den Spuren der Wahrheit. 2000 Jahre Verbrechensaufklärung“, Sonderausstellung bis zum 12.01.2027 über die Geschichte der forensischen Polizeiarbeit









