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  • 04.10.2026

Museumsleiterin Lisa Schadow im Interview 
Ein Jahr ist es nun her, dass Lisa Schadow die Leitung des Emsland Archäologie Museums in Meppen übernommen hat. Am 1. September 2025 trat die Grafschafterin ihr Amt an und zog ins benachbarte Emsland. Doch was fasziniert die 33-Jährige an der Archäologie? 

Frau Schadow, was hat Sie persönlich an der Archäologie fasziniert und dazu gebracht, sich beruflich damit zu beschäftigen? Und wie kam es, dass Sie die Leitung des Emsland Archäologie Museums übernehmen wollten?  

Ich war schon immer vernarrt in Geschichte. Mein liebstes Schulfach war Latein. Es ging mir weniger um die Sprache selbst, sondern mehr um die Einblicke in das Leben, den Alltag und die Mythen vergangener Zeiten. Durch mein Studium hat sich dieser Blick noch einmal erweitert. Neben den schriftlichen Quellen kamen dadurch auch nochmal die Entwicklungen in der Kunst, Architektur und den handwerklichen Fähigkeiten vergangener Kulturen hinzu.
 
Mich fasziniert bis heute die Frage, wie konnten die Menschen damals die Objekte schon so gut herstellen? Wenn ich durch verschiedene Museen gehe, entdecke ich immer wieder Dinge, die mich beeindrucken. Diese Neugier treibt mich auch im Emsland an. Ich gehe durch die Ausstellung und finde sowohl monumentale Bauten der steinzeitlichen Megalithkultur als auch fein gearbeitete Alltagsgegenstände aus Bronze. Archäologie bezeichnet die Erforschung der materiellen Hinterlassenschaften verschiedener Kulturen, aber am Ende entdecken wir auch das Leben von einzelnen Menschen, die diese Objekte geschaffen und genutzt haben.
 
Das Emsland Archäologie Museum bietet mir die Möglichkeit, diese Begeisterung weiterzugeben und gleichzeitig selbst immer wieder Neues über die Geschichte der Region zu lernen.

Gibt es einen Fund aus dem Emsland, der Sie persönlich besonders beeindruckt oder vielleicht sogar Ihre Sicht auf die Geschichte der Region verändert hat? 

Für mich ist es schwierig einen einzigen Fund herauszugreifen. Jedes Objekt liefert ein weiteres Puzzleteil zu unserem Verständnis der Geschichte des Emslandes. Besonders spannend finde ich beispielsweise unsere römischen Bronzestatuetten. Die Römer waren im Emsland nicht dauerhaft präsent, wenn überhaupt, sind sie hier nur flüchtig vorbeigekommen. Trotzdem finden wir immer wieder Gegenstände, die uns von Kontakten und Austausch zwischen den Römern und Germanen erzählen. Das zeigt, dass unsere Region keineswegs isoliert war.
 
Andere Funde ordnen die emsländische Geschichte in einen viel größeren europäischen Zusammenhang ein. Ein gutes Beispiel sind bestimmte Axttypen, die wir vor allem aus dem südeuropäischen Raum kennen. Durch Handelsbeziehungen gelangten neue Materialien, Ideen und Techniken in den Norden. Während in anderen Regionen bereits mit Metall gearbeitet wurde, nutzten die Menschen im Emsland weiterhin Stein. Dabei wurden interessanterweise neue Metallformen und Werkzeugtypen teilweise in Stein nachgeahmt. Hier wird deutlich, dass die Menschen dasselbe künstlerische Können hatten, jedoch nicht die notwendigen Materialien zur Verfügung standen.
 
Es sind diese kleinen Details, die schon im 3. und 2. Jahrtausend vor der Zeit weitreichende Handelsbeziehungen in das Emsland nachweisen. Wenn man sich das vor Augen führt, verändert das durchaus den Blick auf unsere Region. 

Welche Geschichten über die Menschen, die im Moor gelebt und gearbeitet haben, können uns archäologische Funde heute noch erzählen? 

Das Moor war ein wesentlicher Bestandteil des Lebensraums der Menschen. Es war kein Gebiet, das einfach überwunden oder trockengelegt werden konnte. Große Siedlungszentren, wie wir sie beispielsweise aus südlichen Regionen kennen, entstanden hier deshalb kaum. Das Emsland war vielmehr durch zahlreiche Einzelgehöfte geprägt.

Dennoch gibt es Orte, an denen wir eine Siedlungskontinuität über mehrere Jahrtausende erkennen können. Geeste ist dafür ein gutes Beispiel. Dort konnten wir zahlreiche Funde aus der vorrömischen Eisenzeit bergen, die uns einen erstaunlich detaillierten Einblick in den damaligen Alltag geben. Wir können dadurch nachvollziehen, was die Menschen gegessen haben und teilweise auch, welche Kleidung sie getragen haben. Bohlenwege, Einbäume und erhaltene Straßenprofile geben uns darüber hinaus Hinweise auf die frühgeschichtliche Infrastruktur. Sie helfen uns zu verstehen, wie Menschen im Emsland unterwegs und welche Orte miteinander verbunden waren.

Dabei dürfen wir natürlich nicht an der heutigen Grenze des Emslandes Halt machen. Die modernen Landesgrenzen gab es damals nicht. Deshalb betrachten wir zunehmend die gesamte Moorregion und beziehen auch archäologische Erkenntnisse aus den Niederlanden ein.

Spielt das Moor bei bestimmten Exponaten eine besondere Rolle? 

Auf jeden Fall. Das Moor ist für unsere archäologischen Funde Segen und Fluch zugleich. Für Archäolog:innen sind sehr feuchte oder sehr trockene Böden, beispielsweise Moore, Sümpfe oder Wüsten, besonders interessant, weil sich dort organische Materialien unter bestimmten Bedingungen außergewöhnlich gut erhalten können. Dadurch haben wir die Chance auf Funde, die in anderen Böden längst vergangen wären. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist unser sogenannter Roter Franz, eine Moorleiche des 4. Jahrhunderts nach Christus aus Neu-Versen bei Meppen.

Gleichzeitig können die Bedingungen im Moor andere Materialien stark angreifen. Eisen beispielsweise kann unter den feuchten Lagerbedingungen stark korrodieren und kommt manchmal nur noch als kaum erkennbare Materialmasse aus dem Boden. Für die Archäologie bedeutet das: Jeder Fund erzählt uns nicht nur etwas über die Vergangenheit, sondern auch über die Bedingungen, unter denen er erhalten geblieben ist. 

Was ist ein im Moor gefundenes Fundstück, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, aber bei genauerer Betrachtung eine unglaubliche Geschichte erzählt? 

Das Moor selbst erzählt bereits eine erstaunliche Geschichte. Seine Entstehung des Moores ist für uns sogar ein wichtiges zeitliches Bezugssystem. Altsteinzeitliche Funde werden wir in keinen Moorschichten finden, denn das Moor im Emsland entstand erst vor knapp 7.000 Jahren. Das können wir unter anderem durch dendrochronologische Untersuchungen an Mooreichen nachweisen, bei denen die charakteristischen Jahresringe der Bäume miteinander verglichen und bestimmten Zeiträumen zugeordnet werden können.
 
Das bedeutet gleichzeitig, dass unsere ältesten archäologischen Funde vor der Entstehung der Moore in den Boden kamen. So auch ein Faustkeil aus Twist, das erste nachgewiesene Werkzeug eines Menschen. Faustkeile werden bereits seit rund drei Millionen Jahren von Menschen hergestellt. Unser Objekt ist da erst 30.000 Jahre alt.
 
Dieser zeitliche Vergleich zeigt besonders deutlich, wie jung unser Moor im Verhältnis zur gesamten Menschheitsgeschichte eigentlich ist und wie viele Geschichten sich bereits davor in unserer Region abgespielt haben. 

Archäologie klingt für viele zunächst nach weit zurückliegender Vergangenheit. Warum ist es trotzdem wichtig, sich heute mit diesen Spuren unserer Geschichte zu beschäftigen? 

Geschichte hilft uns, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen. Unsere Gegenwart ist schließlich aus keinem einzelnen Ereignis entstanden, sondern ist das Ergebnis unzähliger Entwicklungen, Entscheidungen und Anpassungsprozesse.
 
Gerade die Archäologie macht diese Vergangenheit greifbar. Durch Objekte, Siedlungsstrukturen oder auch Landschaftsentwicklungen können wir nachvollziehen, wie Menschen früher gelebt haben und wie sie mit Veränderungen und Herausforderungen umgegangen sind.
 
Das lässt sich auch am Emsland zeigen. In dieser durch die Landschaft stark geprägten Region musste man sich den vorhandenen Ressourcen anpassen. In der Steinzeit war Stein das vorherrschende Arbeitsmaterial. Mit zunehmenden Handelsbeziehungen kamen Metalle wie Kupfer und Bronze hinzu. Als die Handelswege durch verschiedene Faktoren im gesamten europäischen Raum zusammenbrachen und Bronze schwieriger verfügbar wurde, entwickelte sich Eisen zu einem wichtigen Werkstoff. Dabei lernte man schnell, lokal verfügbare Raseneisenerze zur eigenen Produktion zu verarbeiten. Auch unsere jüngere Geschichte zeigt, wie stark Menschen ihre Umwelt verändert haben. Die Kultivierung und Entwässerung der Moorlandschaften haben das Emsland nachhaltig geprägt. Heute wissen wir deutlich mehr über die Bedeutung der Moore für Klimaschutz und Biodiversität und versuchen deshalb, die verbliebenen Moorflächen intensiv zu schützen.
 
Damit zeigt uns die Geschichte nicht nur, was früher passiert ist. Sie kann uns auch helfen, aus vergangenen Entwicklungen zu lernen. Das Moor ist dabei ein besonders wichtiger Teil der emsländischen Identität. Unsere Vorfahren haben mit ihm gelebt, es genutzt und dabei auch Entscheidungen getroffen, deren Folgen wir heute noch spüren. Dieses Wissen kann uns dabei helfen, unseren eigenen Umgang mit der Landschaft bewusster zu gestalten. 

Was macht das Emsland Archäologie Museum aus Ihrer Sicht besonders – und was können Besucher hier entdecken, was sie vielleicht nicht erwarten würden? 

Das Emsland Archäologie Museum wird von einem kleinen Team getragen, das sich jeden Tag mit viel Freude und Begeisterung dafür einsetzt, Geschichte(n) zu vermitteln. Dabei möchten wir nicht nur die Vergangenheit besprechen, sondern erlebbar und begreifbar machen. Deshalb gilt bei uns das Prinzip „Geschichte zum Anfassen“.
 
Unsere Angebote sind nicht nur familienfreundlich und bewusst erlebnisorientiert. Bei Aktionstagen können Besucherinnen und Besucher selbst ausprobieren, wie Menschen früher gelebt, gearbeitet oder gedacht haben. Gleichzeitig wollen wir zeigen, dass ein archäologisches Museum viel mehr sein kann als eine klassische Ausstellung. Bei uns gibt es Fachvorträge, Film- und Brettspielabende, historische Darstellungen und sogar lange DJ-Nächte.
 
Kurz gesagt: Im Emsland Archäologie Museum sind 40.000 Jahre Geschichte zu Hause und die dürfen auch überraschend ungewöhnlich sein. 


Naturparke in der Ferienregion feiern Jubiläum 

In Kooperation mit dem Emsland-Kurier feiern wir in diesem Jahr die Jubiläen “20 Jahre Naturpark Bourtanger Moor” und “10 Jahre Naturpark Hümmling” mit Geschichten über die eindrucksvolle Kulturlandschaft, prägnante und ungewöhnliche Sehenswürdigkeiten und ehrenamtliches Engagement mit viel Heimatgefühl.
 
Die Beiträge werden im Emsland-Kurier veröffentlicht und sind im Emsland-Blog "Moor & mehr“ auf unserer "Geburtstagsseite"zum Themenjahr nachzulesen.  


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© www.schoening-fotodesign.de, Tim Heinrich
Christina Poll
04. Oktober 2026